Wer wird (und bleibt) warum Gewalt- und Sexualstraftäter? (www.nzz.ch)
http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/wer_wird_und_bleibt_warum_gewalt-_und_sexualstraftaeter_1.581352.html
Wer wird (und bleibt) warum Gewalt- und Sexualstraftäter?
Umfassende Studie über Herkunft, Behandlung und deliktische Laufbahn von 469 erwachsenen VerurteiltenDer Psychiatrisch-Psychologische Dienst des Zürcher Amtes für Justizvollzug hat fünf Jahre lang die Akten von 469 verurteilten Gewalt- und Sexualstraftätern unter die Lupe genommen. Die Studienresultate untergraben zwar einige Vorurteile, werfen aber auch viele neue Fragen auf. Eine Charakterisierung des «typischen Täters» ist kaum möglich.
brh. Das grösste Risiko, Gewalt- oder Sexualstraftäter zu werden (und zu bleiben), ist das männliche Geschlecht: eine lapidare und dennoch zutreffende Feststellung aus dem Munde eines Fachmannes, der es wissen muss. Frank Urbaniok, Chefarzt und Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) des Zürcher Amtes für Justizvollzug, hat am Mittwoch in der Strafanstalt Pöschwies die «Zürcher Forensik-Studie» vorgestellt. Sie ist von ihm und seinem Team verfasst sowie vom Bundesamt für Justiz unterstützt worden (siehe Kasten), und sie analysiert den privaten, beruflichen und deliktischen Werdegang von 469 erwachsenen, verurteilten Gewalt- und Sexualstraftätern. Die Verfasser und Amtschef Thomas Manhart sprachen vor den Medien von einer europaweit erstmaligen Untersuchung und gaben gleichzeitig zu, mit den gewonnenen Erkenntnissen wohl mehr Fragen aufzuwerfen, als Antworten zu liefern. Plakative, populistische Schlussfolgerungen wie der eingangs erwähnte «Risikofaktor Geschlecht» sind im hundertachtzigseitigen Bericht nicht zu finden.
Nullrisiko gibt es nicht
Immerhin räumt die Studie mit einigen gängigen Vorurteilen auf und bietet Ansätze für weitere, gezielte Forschungsarbeiten. Ziel all dieser Bemühungen ist es, präventiv eingreifen zu können, also Gewalt- und Sexualstraftaten überhaupt zu verhindern, Verurteilte im Strafvollzug oder in der therapeutischen Behandlung richtig anzupacken und – ganz wichtig – das Rückfallrisiko zu senken. Die «Zürcher Forensik-Studie» ist ein Schritt von vielen auf diesem Weg, die Ziele sind ambitiös, und Frank Urbaniok weist zu Recht darauf hin, dass es ein Nullrisiko im Umgang mit Gewalttätern nie geben wird. Einmalig an seiner neusten wissenschaftlichen Untersuchung ist die gezielte Eingrenzung des Personenkreises. Es wurden nicht, wie sonst üblich, sämtliche Gefängnisinsassen oder eine gewisse Anzahl von gerichtspsychiatrischen Gutachten beleuchtet, sondern 469 Erwachsene, inner- oder ausserhalb von Anstalten, die im August 2000 beim Amt für Justizvollzug in irgendeiner Form registriert waren. Sie alle sind wegen Gewalt- oder Sexualdelikten mit einer Massnahme oder Freiheitsstrafe von mindestens zehn Monaten Dauer verurteilt worden. Die Wissenschafter führten keine Gespräche mit ihnen, sondern konsultierten Urteile, psychiatrische Gutachten und weitere Verfügungen im Zusammenhang mit den Straftaten. 96 Prozent der Untersuchten waren Männer, 44 Prozent Ausländer, und das Durchschnittsalter betrug 35,5 Jahre. Bei der Unterscheidung nach Nationen fällt auf, dass sich die in der Studie erfassten Schweizer Täter häufiger wegen Sexualdelikten verantworten mussten und die Ausländer häufiger wegen Gewaltdelikten. Besonders hoch ist der Anteil an Schweizern bei sexuellem Missbrauch von Kindern (77 Prozent); hier warf PPD-Leiter Urbaniok an der Medienorientierung ein, man müsse allenfalls das Anzeigeverhalten noch vertieft untersuchen.
Eine Ausbildung, aber keinen Job
Zu den überraschenden Studienergebnissen gehört ein Befund in Bezug auf die Ausbildung der Gewalt- und Sexualtäter: Die Autorinnen und Autoren stellen fest, das Ausbildungsniveau der Untersuchten entspreche ziemlich exakt jenem der durchschnittlichen Bevölkerung in der Schweiz; eine schlechte Ausbildung müsse demzufolge nicht als besonderer Risikofaktor gewürdigt werden – eine Schlussfolgerung, die vom Bundesamt für Justiz nicht geteilt wird. In der Studie wird allerdings ebenso festgehalten, dass die berufliche Integration der Verurteilten signifikant schlechter ist als jene in der durchschnittlichen Bevölkerung: mehr als ein Drittel war zum Tatzeitpunkt nicht berufstätig. Die Täter weisen also eine abgeschlossene Berufsausbildung auf, schaffen es später aber nicht, eine Stelle zu bekommen oder zu halten. Auffallend ist weiterhin, dass bei den Arbeitslosen der Anteil der Ausländer höher ist und unter den Rentenbezügern deutlich mehr Schweizer zu finden sind. Was den Zivilstand betrifft, sind die 469 Untersuchten deutlich weniger häufig verheiratet als die Durchschnittsbewohner in der Schweiz. Projektleiter Urbaniok und Mitverfasserin Astrid Rossegger zogen aus diesen Ergebnissen den vorsichtigen Schluss, es stünden bei den Ursachen von Gewalt- und Sexualdelikten weniger soziale Faktoren im Vordergrund als Auffälligkeiten in der Persönlichkeitsstruktur. Überdurchschnittlich hoch ist auch der Anteil schizophren erkrankter Täter.
Vorstrafen als grosses Risiko
Ein grosser Teil der Verurteilten war vor Verüben des Gewalt- oder Sexualdelikts therapeutisch behandelt worden (46 Prozent ambulant und 35 Prozent stationär), und zwei Drittel der Täter kannten ihre späteren Opfer bereits zuvor. Als ein wesentlicher Risikofaktor erweisen sich in der «Forensik-Studie» die Vorstrafen: Zwei Drittel der Untersuchten ist vorbestraft, ein Drittel sogar einschlägig, also mit einem Gewalt- oder Sexualdelikt. «Einschlägig Vorbestrafte bergen das grösste Risiko dafür, erneut einschlägig straffällig zu werden», so das Fazit von Chefarzt Frank Urbaniok. Besonderes Augenmerk legt er in der Studie deshalb darauf, ob und wie sich der von ihm entwickelte neue therapeutische Ansatz auf die Rückfallgefahr auswirkt. Im Kanton Zürich werden Straftäter seit einigen Jahren deliktorientiert behandelt; im Zentrum der Auseinandersetzung steht also das Delikt und nicht die Befindlichkeit des Täters. Urbaniok weist mit der neuen Behandlungsmethode zwar gute Resultate auf, diese basieren jedoch auf einer äusserst dünnen Datenlage: Von vierzig Tätern, die an einer deliktorientierten Intensivtherapie teilgenommen hatten, sind zwei einschlägig rückfällig geworden. – Das ist immerhin ein erfreulicher Trend und das deutlich besseres Ergebnis im Vergleich zu jenen Verurteilten, die anders oder gar nicht therapiert wurden.
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Wer wird (und bleibt) warum Gewalt- und Sexualstraftäter?
Umfassende Studie über Herkunft, Behandlung und deliktische Laufbahn von 469 erwachsenen VerurteiltenDer Psychiatrisch-Psychologische Dienst des Zürcher Amtes für Justizvollzug hat fünf Jahre lang die Akten von 469 verurteilten Gewalt- und Sexualstraftätern unter die Lupe genommen. Die Studienresultate untergraben zwar einige Vorurteile, werfen aber auch viele neue Fragen auf. Eine Charakterisierung des «typischen Täters» ist kaum möglich.
brh. Das grösste Risiko, Gewalt- oder Sexualstraftäter zu werden (und zu bleiben), ist das männliche Geschlecht: eine lapidare und dennoch zutreffende Feststellung aus dem Munde eines Fachmannes, der es wissen muss. Frank Urbaniok, Chefarzt und Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) des Zürcher Amtes für Justizvollzug, hat am Mittwoch in der Strafanstalt Pöschwies die «Zürcher Forensik-Studie» vorgestellt. Sie ist von ihm und seinem Team verfasst sowie vom Bundesamt für Justiz unterstützt worden (siehe Kasten), und sie analysiert den privaten, beruflichen und deliktischen Werdegang von 469 erwachsenen, verurteilten Gewalt- und Sexualstraftätern. Die Verfasser und Amtschef Thomas Manhart sprachen vor den Medien von einer europaweit erstmaligen Untersuchung und gaben gleichzeitig zu, mit den gewonnenen Erkenntnissen wohl mehr Fragen aufzuwerfen, als Antworten zu liefern. Plakative, populistische Schlussfolgerungen wie der eingangs erwähnte «Risikofaktor Geschlecht» sind im hundertachtzigseitigen Bericht nicht zu finden.
Nullrisiko gibt es nicht
Immerhin räumt die Studie mit einigen gängigen Vorurteilen auf und bietet Ansätze für weitere, gezielte Forschungsarbeiten. Ziel all dieser Bemühungen ist es, präventiv eingreifen zu können, also Gewalt- und Sexualstraftaten überhaupt zu verhindern, Verurteilte im Strafvollzug oder in der therapeutischen Behandlung richtig anzupacken und – ganz wichtig – das Rückfallrisiko zu senken. Die «Zürcher Forensik-Studie» ist ein Schritt von vielen auf diesem Weg, die Ziele sind ambitiös, und Frank Urbaniok weist zu Recht darauf hin, dass es ein Nullrisiko im Umgang mit Gewalttätern nie geben wird. Einmalig an seiner neusten wissenschaftlichen Untersuchung ist die gezielte Eingrenzung des Personenkreises. Es wurden nicht, wie sonst üblich, sämtliche Gefängnisinsassen oder eine gewisse Anzahl von gerichtspsychiatrischen Gutachten beleuchtet, sondern 469 Erwachsene, inner- oder ausserhalb von Anstalten, die im August 2000 beim Amt für Justizvollzug in irgendeiner Form registriert waren. Sie alle sind wegen Gewalt- oder Sexualdelikten mit einer Massnahme oder Freiheitsstrafe von mindestens zehn Monaten Dauer verurteilt worden. Die Wissenschafter führten keine Gespräche mit ihnen, sondern konsultierten Urteile, psychiatrische Gutachten und weitere Verfügungen im Zusammenhang mit den Straftaten. 96 Prozent der Untersuchten waren Männer, 44 Prozent Ausländer, und das Durchschnittsalter betrug 35,5 Jahre. Bei der Unterscheidung nach Nationen fällt auf, dass sich die in der Studie erfassten Schweizer Täter häufiger wegen Sexualdelikten verantworten mussten und die Ausländer häufiger wegen Gewaltdelikten. Besonders hoch ist der Anteil an Schweizern bei sexuellem Missbrauch von Kindern (77 Prozent); hier warf PPD-Leiter Urbaniok an der Medienorientierung ein, man müsse allenfalls das Anzeigeverhalten noch vertieft untersuchen.
Eine Ausbildung, aber keinen Job
Zu den überraschenden Studienergebnissen gehört ein Befund in Bezug auf die Ausbildung der Gewalt- und Sexualtäter: Die Autorinnen und Autoren stellen fest, das Ausbildungsniveau der Untersuchten entspreche ziemlich exakt jenem der durchschnittlichen Bevölkerung in der Schweiz; eine schlechte Ausbildung müsse demzufolge nicht als besonderer Risikofaktor gewürdigt werden – eine Schlussfolgerung, die vom Bundesamt für Justiz nicht geteilt wird. In der Studie wird allerdings ebenso festgehalten, dass die berufliche Integration der Verurteilten signifikant schlechter ist als jene in der durchschnittlichen Bevölkerung: mehr als ein Drittel war zum Tatzeitpunkt nicht berufstätig. Die Täter weisen also eine abgeschlossene Berufsausbildung auf, schaffen es später aber nicht, eine Stelle zu bekommen oder zu halten. Auffallend ist weiterhin, dass bei den Arbeitslosen der Anteil der Ausländer höher ist und unter den Rentenbezügern deutlich mehr Schweizer zu finden sind. Was den Zivilstand betrifft, sind die 469 Untersuchten deutlich weniger häufig verheiratet als die Durchschnittsbewohner in der Schweiz. Projektleiter Urbaniok und Mitverfasserin Astrid Rossegger zogen aus diesen Ergebnissen den vorsichtigen Schluss, es stünden bei den Ursachen von Gewalt- und Sexualdelikten weniger soziale Faktoren im Vordergrund als Auffälligkeiten in der Persönlichkeitsstruktur. Überdurchschnittlich hoch ist auch der Anteil schizophren erkrankter Täter.
Vorstrafen als grosses Risiko
Ein grosser Teil der Verurteilten war vor Verüben des Gewalt- oder Sexualdelikts therapeutisch behandelt worden (46 Prozent ambulant und 35 Prozent stationär), und zwei Drittel der Täter kannten ihre späteren Opfer bereits zuvor. Als ein wesentlicher Risikofaktor erweisen sich in der «Forensik-Studie» die Vorstrafen: Zwei Drittel der Untersuchten ist vorbestraft, ein Drittel sogar einschlägig, also mit einem Gewalt- oder Sexualdelikt. «Einschlägig Vorbestrafte bergen das grösste Risiko dafür, erneut einschlägig straffällig zu werden», so das Fazit von Chefarzt Frank Urbaniok. Besonderes Augenmerk legt er in der Studie deshalb darauf, ob und wie sich der von ihm entwickelte neue therapeutische Ansatz auf die Rückfallgefahr auswirkt. Im Kanton Zürich werden Straftäter seit einigen Jahren deliktorientiert behandelt; im Zentrum der Auseinandersetzung steht also das Delikt und nicht die Befindlichkeit des Täters. Urbaniok weist mit der neuen Behandlungsmethode zwar gute Resultate auf, diese basieren jedoch auf einer äusserst dünnen Datenlage: Von vierzig Tätern, die an einer deliktorientierten Intensivtherapie teilgenommen hatten, sind zwei einschlägig rückfällig geworden. – Das ist immerhin ein erfreulicher Trend und das deutlich besseres Ergebnis im Vergleich zu jenen Verurteilten, die anders oder gar nicht therapiert wurden.
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