Badische Zeitung vom 29.11.2011 - Neuer Stützpunkt der Forenischen Ambulanz Baden in Freiburg
Neuer Stützpunkt der Forensischen Ambulanz Baden in Freiburg
Vergangenes Jahr war das Problem plötzlich da: Als ehemalige Sicherungsverwahrte aus der Freiburger Justizvollzugsanstalt entlassen wurden, gab’s für sie keine Möglichkeit, schnell in der Umgebung einen Therapieplatz zu bekommen. I
In solchen Situationen hilft jetzt der Behandlungsstützpunkt Freiburg der Forensischen Ambulanz Baden, der gestern in den Räumen der "Neustart"-GmbH in der Dreisamstraße offiziell eröffnet wurde.
Es ist ein Gemeinschaftswerk: Die vorrangig für Bewährungshilfe zuständige "Neustart"-GmbH bietet zum Einstieg die Räume, die Forensische Ambulanz Baden unter der Trägerschaft der Behandlungsinitiative Opferschutz (Bios) stellt Psychotherapeuten. Zurzeit sind es zwei, die je einen Tag in der Woche Behandlungen für derzeit sieben Patienten anbieten. Alles ist erst im Aufbau, betont Peter Wack von der Freiburger "Neustart"-Niederlassung. Für bis zu 80 der landesweit 1000 Sexualstraftäter könnte die Freiburger Anlaufstelle in Frage kommen. Dann müsste die Ambulanz sich Extra-Räume suchen – die jetzigen sind für sie mietfrei.
Der nächstgelegene Standpunkt der Forensischen Ambulanz war bisher in Offenburg, dort werden momentan 15 Patienten betreut, meist sind es mehr. Die Patienten wechseln oft, weil einige der nach Jahrzehnten entlassenen ehemaligen Sexualstraftäter nicht sofort für eine Therapie bereit sind. Über die "Vorstellungsweisung" des Gerichts werden sie jedoch dazu verpflichtet, sechs Monate lang eine Therapie "auszuprobieren". Daran kann eine dauerhafte Psychotherapie angeschlossen werden. Häufig genüge dieses halbe Jahr aber nicht, um genügend Motivation zur Therapie zu wecken, kritisieren Peter Wack, der Bios-Vorsitzende Klaus Böhm und "Neustart"-Geschäftsführer Georg Zwinger übereinstimmend. Sie plädieren dafür, die Sechs-Monatsfrist – ähnlich wie in anderen Bundesländern – zu verlängern, in der festen Überzeugung, dass eine möglichst erfolgreiche Behandlung der Täter der beste Schutz für eventuelle neue Opfer ist. Aus diesem Grund hatte sich "Bios" 2008 gegründet, bilanziert Klaus Böhm, und deshalb wollte die Initiative eine Lösung für das Problem finden, dass einstigen Straftätern die Therapie erschwert wird, wenn sie extra in eine andere Stadt fahren müssen.
Denn eines hatte sich schnell gezeigt: Niedergelassene Freiburger Psychotherapeuten waren nicht bereit, Patienten mit einer Vorgeschichte als Sexualstraftäter in ihren Praxen zu behandeln. Geeignete Therapeuten zu finden, ist schwierig: Nicht nur wegen des inneren Konflikts, der sich für diejenigen ergibt, die Opfer sexueller Gewalt behandeln, die dauerhaft Probleme haben. Groß ist auch die Furcht vor erhitzten Reaktionen der Öffentlichkeit. Und nicht zu vergessen brauchen sie spezielle Qualifikationen. Von den beiden in Freiburg arbeitenden Therapeuten fährt einer extra aus Rheinland-Pfalz an, der andere arbeitet in der Umgebung und fühlt sich in den "neutralen" Räumen von "Neustart" geschützt.
Autor: Anja Bochtler
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